Was brauchen Kinder?

 

 

Kinder wollen gesehen werden.

Sie wollen versorgt werden und Aufmerksamkeit bekommen.

Sie wollen - mit all ihren Gefühlen - ernstgenommen werden.

Sie wollen geliebt werden - so, wie sie sind.

 

Kinder haben natürliche Bedürfnisse.

Im Grunde die selben wie Erwachsene.

 

Häufig werden Kindern diese Bedürfnisse aber nicht zugestanden. - "Der/die will nur Aufmerksamkeit".

Es ist doch aber großartig, wenn es die bekommt. Es ist für mich als Erwachsene eine großartige Sache, wenn mir jemand wirklich zuhört und mich sieht. (Übrigens können das nicht mehr viele Menschen; ist dir das schon mal aufgefallen?)

Warum wird es Kindern so negativ ausgelegt, wenn sie nach Aufmerksamkeit suchen?

Meine Erfahrung zeigt: Aus Angst. Und Bequemlichkeit. Und aus Glaubenssätzen heraus. Beispiele hierfür sind: "Nicht darauf reagieren, sonst will er/sie das ja immer.", "Hart bleiben, sonst tanzt er/sie dir auf der Nase herum". Die Angst wird in diesem Beispiel sogar direkt benannt: Eine Angst, das Kind könnte einem "auf der Nase herum tanzen", "tun, was es will" (Was ist daran schlecht? Machen wir doch auch so....), nicht "gehorchen" (wie ein Sklave?), "ein kleiner Tyrann werden", ...

Dann würden wir mitunter die "Kontrolle verlieren", das Kind könnte sich nicht mehr unterordnen.

Ich finde: Das sollte es auch nicht müssen.

Die Zeiten von Johanna Haarer und ähnlicher Nazi-Literatur, deren Ziel es war, kleine Soldaten heran zu ziehen, sind vorbei. KInder sollten gehorchen, damit sie später Befehle nicht hinterfragen und in den Krieg geschickt werden konnten, bereit, für das Vaterland bis zum Ende zu kämpfen.

Kinder sollten - und sollen heute leider auch oft immer noch - "brav sein", "hören", "funktionieren".

Viele Sätze und Annahmen von damals werden erschreckenderweise heute noch von Großeltern, Eltern, Schwiegereltern verbreitet und von jungen Eltern übernommen werden. Kindern werden noch immer häufig Attribute wie böse oder hinterhältig zugeschrieben. "Schreien (lassen) kräftigt die Lungen", "Geh nicht sofort hin, sonst lernt es, dass du immer gleich zu ihm kommst, wenn es schreit", oder abwertende Bezeichnungen wie "Trotzkopf", wenn Kinder mit 2, 3 Jahren, überfordert von der Gehirnumstellung in diesem Alter, eigentlich Erklärungen für ihre Gefühle und Trost bräuchten, wenn sie einen Wutanfall haben.

 

Kinder haben, wie oben geschrieben, die gleichen Bedürfnisse wie Erwachsene.

Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist: Wenn einem Erwachsenen nicht zugehört wird, kann der sich äußern und protestieren.

Kleine Kinder sind (noch) nicht so gut in der Lage, auszudrücken, was sie möchten. Deshalb sind wir gefragt, herauszufinden, was es ist, das sie gerade brauchen.

Das erfordert manchmal Zeit. Manchmal Geduld. Vor allem aber Empathie.

Durch die Erziehung, die wir selbst "genossen" haben, haben wir Meinungen über Kinder (und auch über uns selbst, die Welt, ...) von den uns erziehenden Personen, meistens den Eltern, Großeltern, ... übernommen, und hinterfragen sie häufig nicht. Wir sind häufig selbst nicht einfühlsam, weil unsere Eltern es uns gegenüber nicht sein konnten. Wir haben es nicht erfahren oder gelernt.

Es ist sehr schmerzhaft, zu erkennen, dass unsere Eltern nicht in Kontakt mit uns kommen konnten oder können, da ihre Bindungsfähigkeit durch ihre Traumata oder die ihrer Eltern beeinträchtigt wurde.

Dass "Erziehungsmethoden", wie Abwertung, Nicht-Ernst-Nehmen, Ignorieren, Liebesentzug, wenn wir nicht das von den Eltern erwünschte Verhalten zeigen, uns von uns weg gebracht haben. Weg davon, wahrzunehmen, was WIR wollen, was WIR brauchen. Die Spätfolgen sind etwa Depressionen oder Burn-Out.

 

Überlebensstrategien greifen dann häufig. Solche sind etwa Schönreden, In-Schutz-nehmen der Eltern ("aber sie haben ihr Bestes getan" (es war aber nicht das, was du gebraucht hättest), Bagatellisieren ("war doch gar nicht so schlimm"), beschwichtigen ("haben doch alle so gemacht" - das stimmt zwar, aber darum sind wir nun auch alle traumatisiert.).

Ja. Von Traumatisierungen spricht man nicht nur, wie viele annehmen, in einmlige Einzelfällen. Nicht nur Vergewaltigungen oder Naturkatastrophen - grausam aber selten - sind die Traumatisierungen, die passieren.

Leider sind weit mehr als ein paar Einzelfälle betroffen.

Wir leben in einer traumatisierten Gesellschaft.

Denn unsere Eltern oder Großeltern waren im Krieg oder sind Kriegsenkel und haben nicht nur körperliche Verletzungen daraus mitgebracht.

Sie wurden traumatisiert und konnten diese Traumatisierungen nicht auflösen - klar, häufig hatten sie andere Sorgen, waren erstmal mit dem Wiederaufbau beschäftigt.

WIR sind heute die Generation, die - ganz langsam - aufmerksam wird und Erlebtes aufarbeiten kann. Bei uns selbst, und um es auch bei den eigenen Kindern anders zu machen.

Es werden immer mehr Menschen, die Erziehung überdenken - es gibt so wundervolle Bewegungen wie "unerzogen" oder "Attachment Parenting" / Bedürfnisorientierung und das allmählich wachsende Bewusstsein über John Bowlbys Bindungstheorie (die übrigens bereits aus den 1940er Jahren stammt). Es tut sich was. Es gibt aber auch noch einiges zu tun.